Meine erste Einschätzung
Du schreibst, dass du damals alles gelöscht hast und dass sich in deinem Kopf nichts löscht. Dass ihr über den Alltag redet und über die Kinder, und dass du daneben sitzt wie eine Fremde in deinem eigenen Wohnzimmer. Dass beim Abendessen beiläufig der Satz fiel, er sei froh, dass ihr euch alles sagt, und dass du genickt und weitergegessen hast. Seitdem schläfst du kaum noch. So habe ich dich verstanden; korrigier mich, wenn ich etwas falsch lese.
Du schreibst auch, du hast es beendet, weil du dich selbst nicht mehr ausgehalten hast. Das ist ein harter Satz gegen dich — und in derselben Zeile steht, dass du es beendet hast. Ich lasse beides nebeneinander stehen und mache keines davon kleiner.
In deinem Brief liegen drei verschiedene Fragen übereinander. Es sind drei verschiedene Entscheidungen, und keine davon musst du heute treffen. Die erste hast du selbst gefunden: Manchmal denkst du, das Sagen wäre für dich, nicht für ihn. Bevor sagen oder nicht überhaupt beantwortbar ist, brauchst du Klarheit, was du dir vom Sagen erhoffst — Entlastung für dich oder Ehrlichkeit für euch. Das ist nicht dasselbe.
Die zweite steht leiser im nächsten Satz: Manchmal denke ich, das Schweigen ist es auch. Damit sagst du, dass Schweigen keine Pause vor der Entscheidung ist, sondern etwas, das du jeden Abend tust — und dass es bereits etwas kostet. Wie du bis dahin damit lebst, ist eine eigene Frage, unabhängig davon, wie du dich am Ende entscheidest.
Die dritte stellst du nicht, sie steht trotzdem da: In deinem Text stehen mehr Menschen als zwei — dein Mann, eure beiden Kinder, und die Freundinnen, von denen keine es weiß. In deiner Frage kommen nur zwei vor. Ich deute das nicht; mir fällt nur auf, dass du zwischen mehreren Bindungen stehst und nicht nur zwischen zwei Wörtern.
Eine Frage dazu, die du mir nicht beantworten musst: Was, glaubst du, nimmt dein Mann gerade wahr — nicht, was stimmt, sondern was bei ihm ankommt? Was in ihm vorgeht, weiß ich nicht und behaupte ich nicht. Aber ein Geheimnis lebt selten nur in einer Person; vielleicht ist das Fremdsein, das du beschreibst, in eurem Wohnzimmer längst spürbar, ohne dass jemand weiß, wovon.
Vielleicht ist von diesem Brief gerade nur ein Satz brauchbar und der Rest liest sich erst beim zweiten Mal anders. Wenn du magst, schreib auf, in welchen Momenten es am schwersten wird — beim Abendessen, wenn es still wird, wenn dein Handy liegt, wo ihr beide es seht. Ein paar Zeilen reichen; es ist keine Aufgabe.
Schreib mir, wenn du magst, welcher dieser drei Fäden sich gerade am lautesten meldet — dort machen wir weiter. Es reicht ein Absatz, und es gibt keine Frist.
— Stefan